Polens Geschichte – die wichtigsten Epochen verständlich erklärt

Auf dieser Seite erklären wir Polens Geschichte von den Anfängen des Staates bis zur Gegenwart. Ein kompakter Zeitstrahl gibt dir zunächst Orientierung, bevor wir die wichtigsten Entwicklungen und ihre Folgen genauer einordnen. Zum Abschluss zeigen wir dir Orte an der polnischen Ostseeküste, an denen diese Geschichte bis heute sichtbar ist.

Polens Geschichte im Zeitstrahl

  1. 966

    Taufe Mieszkos I.

    Die Annahme des Christentums gilt traditionell als Beginn des polnischen Staates. Zugleich schloss sich Mieszkos Herrschaftsgebiet dem christlich geprägten Europa an.

  2. 1000 bis 1025

    Gnesener Treffen und erstes Königreich

    Beim Treffen von Gnesen entstand im Jahr 1000 eine eigenständige polnische Kirchenorganisation. 1025 wurde Bolesław I. Chrobry als erster Herrscher zum König von Polen gekrönt.

  3. 1138 bis 1320

    Teilung in mehrere Herzogtümer

    Nach dem Tod Bolesławs III. zerfiel das Land in einzelne Teilfürstentümer. Mit der Krönung Władysławs I. Łokietek begann 1320 die Wiederherstellung des polnischen Königreichs.

  4. 1333 bis 1370

    Herrschaft Kasimirs des Großen

    Kasimir III. stärkte Verwaltung, Recht und Wirtschaft des Königreichs. Außerdem gründete er 1364 die spätere Jagiellonen-Universität in Krakau.

  5. 1385 bis 1410

    Verbindung mit Litauen

    Die Union von Krewo und die Ehe zwischen Jadwiga und dem litauischen Großfürsten Jogaila verbanden Polen mit Litauen. Als Władysław II. Jagiełło wurde Jogaila polnischer König. 1410 besiegte ein polnisch-litauisches Heer den Deutschen Orden bei Grunwald.

  6. 1466

    Ende des Dreizehnjährigen Krieges

    Im Zweiten Frieden von Thorn musste der Deutsche Orden große Gebiete an die polnische Krone abtreten. Dazu gehörten Danzig und das sogenannte Königliche Preußen.

  7. 1569 bis 1573

    Republik Beider Nationen und Wahlmonarchie

    Die Union von Lublin schuf 1569 einen gemeinsamen polnisch-litauischen Staat. Nach dem Tod des letzten Jagiellonen wurde die Krone künftig von den Adligen gewählt. Die Warschauer Konföderation von 1573 sicherte den Adligen verschiedener Konfessionen zudem religiösen Frieden zu.

  8. 1648 bis 1667

    Kriege und Schwedische Sintflut

    Ein Kosakenaufstand sowie Kriege gegen Russland und Schweden verwüsteten große Teile des Landes. Die Republik verlor Einwohner, Wirtschaftskraft und Gebiete im Osten.

  9. 1772

    Erste Teilung Polens

    Russland, Preußen und Österreich gliederten große Teile der Republik ihrem eigenen Staatsgebiet an. Reformversuche konnten den zunehmenden Einfluss der Nachbarmächte zunächst nicht stoppen.

  10. 1791

    Verfassung vom 3. Mai

    Das Parlament verabschiedete eine der frühesten modernen Verfassungen Europas. Sie sollte den Staat reformieren und die politische Blockade der Adelsrepublik überwinden.

  11. 1793 bis 1795

    Zweite und Dritte Teilung

    Nach einer weiteren Teilung scheiterte 1794 der Aufstand unter Tadeusz Kościuszko. Russland, Preußen und Österreich teilten das verbliebene Staatsgebiet 1795 vollständig unter sich auf. Polen existierte danach 123 Jahre lang nicht als unabhängiger Staat.

  12. 1807 bis 1815

    Herzogtum Warschau

    Napoleon schuf aus ehemals polnischen Gebieten das Herzogtum Warschau. Nach seiner Niederlage ordnete der Wiener Kongress die Region erneut unter Russland, Preußen und Österreich auf.

  13. 1830 bis 1864

    Aufstände gegen die Teilungsmächte

    Der Novemberaufstand von 1830/31 und der Januaraufstand von 1863/64 richteten sich vor allem gegen die russische Herrschaft. Beide scheiterten und führten zu verschärften Repressionen.

  14. 1918

    Wiederherstellung der Unabhängigkeit

    Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Teilungsmächte entstand die Zweite Polnische Republik. Nach 123 Jahren besaß Polen wieder einen eigenen Staat.

  15. 1919 bis 1921

    Kampf um die neuen Grenzen

    Kriege, Aufstände und Volksabstimmungen bestimmten die Grenzen des wiedergegründeten Landes. Im Polnisch-Sowjetischen Krieg stoppte Polen 1920 den Vormarsch der Roten Armee vor Warschau. Der Versailler Vertrag verschaffte Polen zudem einen Zugang zur Ostsee und machte Danzig zur Freien Stadt.

  16. 1926

    Maiputsch Józef Piłsudskis

    Piłsudski übernahm nach einem Militärputsch erneut die politische Kontrolle. Die parlamentarische Demokratie blieb formal bestehen, wurde in den folgenden Jahren jedoch zunehmend eingeschränkt.

  17. 1939

    Deutscher und sowjetischer Überfall

    Deutschland griff Polen am 1. September an, die Sowjetunion folgte am 17. September von Osten. Beide Staaten teilten das besetzte Land entsprechend dem geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts unter sich auf.

  18. 1943

    Aufstand im Warschauer Ghetto

    Jüdische Widerstandsgruppen erhoben sich gegen die deutschen Besatzer und die Deportation der verbliebenen Bewohner. Nach mehreren Wochen wurde der Aufstand niedergeschlagen und das Ghetto zerstört.

  19. 1944

    Warschauer Aufstand

    Die polnische Heimatarmee versuchte, Warschau von der deutschen Besatzung zu befreien. Der Aufstand scheiterte nach 63 Tagen. Anschließend zerstörten deutsche Einheiten große Teile der Stadt.

  20. 1945 bis 1952

    Neue Grenzen und kommunistische Herrschaft

    Polens Staatsgebiet wurde nach Westen verschoben. Die Sowjetunion behielt die früheren polnischen Ostgebiete, während Polen ehemals deutsche Gebiete im Westen und Norden erhielt. Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlungen betrafen dadurch Millionen Menschen. Gleichzeitig festigten von der Sowjetunion unterstützte Kommunisten ihre Macht und gründeten 1952 die Volksrepublik Polen.

  21. 1956

    Posener Aufstand und politisches Tauwetter

    Arbeiterproteste in Posen wurden gewaltsam niedergeschlagen. Die anschließende politische Krise brachte Władysław Gomułka zurück an die Macht und führte vorübergehend zu einer begrenzten Lockerung des Systems.

  22. 1968 bis 1970

    Proteste und staatliche Gewalt

    Auf Studentenproteste im Jahr 1968 folgte eine staatlich betriebene antisemitische Kampagne, durch die Tausende jüdische Polen das Land verließen. Im Dezember 1970 wurden Proteste gegen höhere Lebensmittelpreise in Danzig, Gdynia, Stettin und weiteren Küstenstädten gewaltsam niedergeschlagen.

  23. 1978 bis 1981

    Papstwahl, Solidarność und Kriegsrecht

    1978 wurde der Krakauer Erzbischof Karol Wojtyła als Johannes Paul II. zum Papst gewählt. Nach landesweiten Streiks entstand 1980 mit Solidarność die erste unabhängige Gewerkschaft im sowjetischen Machtbereich. Im Dezember 1981 verhängte die Regierung das Kriegsrecht und ging gegen die Bewegung vor.

  24. 1989

    Ende der kommunistischen Herrschaft

    Gespräche am Runden Tisch führten zu teilweise freien Wahlen, die Solidarność deutlich gewann. Damit begann der Übergang zu einem demokratischen politischen System und einer Marktwirtschaft.

  25. 1999 und 2004

    NATO und Europäische Union

    Polen trat 1999 der NATO und 2004 der Europäischen Union bei. Beide Beitritte banden das Land politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch enger an West- und Mitteleuropa.

  26. Seit 2022

    Russlands Krieg gegen die Ukraine

    Der russische Großangriff auf die Ukraine veränderte Polens sicherheitspolitische Lage. Polen nahm zahlreiche Schutzsuchende auf und entwickelte sich zu einem wichtigen Unterstützer sowie logistischen Knotenpunkt für die Ukraine.

Die Zeit vor Polen und die Anfänge des Staates

Das Gebiet vor der Entstehung Polens

Die Geschichte des heutigen Staatsgebiets reicht weit zurück, doch von Polen lässt sich für die vorgeschichtlichen Epochen noch nicht sprechen. In der Region lebten nacheinander verschiedene Gemeinschaften, über deren Sprache und Herkunft wir oft wenig wissen. Was sie hinterließen, zeigt dennoch, dass hier schon lange vor dem Mittelalter Ackerbau betrieben, Handel getrieben und in größeren Siedlungen gelebt wurde.

Besonders gut lässt sich das in Biskupin nachvollziehen. Die befestigte Siedlung entstand um 738/737 v. Chr. und besaß dicht aneinandergereihte Holzhäuser, befestigte Straßen und eine starke Schutzanlage. Mit den späteren Polen war diese Gemeinschaft nicht direkt verbunden. Biskupin zeigt vielmehr, wie organisiert das Leben in der Region bereits am Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit war.

Seit dem 6. Jahrhundert entstanden im Gebiet des heutigen Polens zunehmend slawische Siedlungen. Aus kleineren Herrschaftsgebieten entwickelten sich später regionale Machtzentren rund um befestigte Burgen. Eines davon lag in Großpolen zwischen Gniezno, Poznań und Ostrów Lednicki. Dort setzte sich im 10. Jahrhundert die Dynastie der Piasten durch.

Mieszko I. und die Christianisierung

Mit Mieszko I. beginnt die durch schriftliche Quellen belegte Geschichte Polens. Als Chronisten ihn in den 960er-Jahren erstmals erwähnten, herrschte er bereits über ein größeres und gut organisiertes Gebiet. Seine Macht beruhte auf befestigten Zentren, einer bewaffneten Gefolgschaft und Abgaben. Der Staat entstand daher nicht erst durch Mieszkos Taufe, sondern hatte sich zuvor über mehrere Generationen entwickelt.

Im Jahr 966 ließ sich Mieszko taufen. Damit stärkte er seine Verbindung zum christlichen Böhmen und verschaffte seiner Herrschaft Anerkennung unter den christlichen Fürsten Europas. Zugleich begann der Aufbau einer Kirche, die sich an Rom und der lateinischen Christenheit orientierte.

Für die Bevölkerung bedeutete die Taufe allerdings keinen plötzlichen Glaubenswechsel. Kirchen und Bistümer entstanden erst nach und nach, während ältere religiöse Vorstellungen lange weiterlebten. Mit den Geistlichen kamen jedoch die lateinische Schriftkultur und neue Formen der Verwaltung ins Land.

Bolesław Chrobry und das erste Königreich

Mieszkos Sohn Bolesław Chrobry baute die Macht der Piasten weiter aus. Dabei gewann Gniezno als religiöses Zentrum an Bedeutung. Dort ließ Bolesław die Gebeine des Missionsbischofs Adalbert von Prag bestatten, der 997 bei den Prußen getötet und bald darauf heiliggesprochen worden war.

Im Jahr 1000 pilgerte Kaiser Otto III. zu dessen Grab. In Verbindung mit diesem Gnesener Treffen entstand ein eigenes polnisches Erzbistum mit untergeordneten Bistümern in Krakau, Wrocław und Kołobrzeg. Die Kirche des Piastenstaates war dadurch nicht dauerhaft einem Erzbistum außerhalb Polens unterstellt.

Anders als ältere Darstellungen behaupten, krönte Otto III. Bolesław in Gniezno nicht zum König. Die eigentliche Krönung erfolgte erst 1025, kurz vor Bolesławs Tod. Das junge Königreich blieb dennoch eng an die Person seines Herrschers gebunden. Machtkämpfe innerhalb der Dynastie und Angriffe von außen stürzten den Piastenstaat deshalb schon im 11. Jahrhundert in eine schwere Krise.

Die Polen. Wer sind sie?
Die Anfänge der polnischen Geschichte: Von den Ursprüngen bis zur Entstehung einer Nation.

Polen im Hochmittelalter – Teilung und Wiedervereinigung

Warum das Reich in Teilfürstentümer zerfiel

Nach den Krisen des 11. Jahrhunderts konnten die Piasten ihre Herrschaft wieder festigen. Ein verlässliches Verfahren für die Nachfolge gab es jedoch nicht. Hinterließ ein Herrscher mehrere Söhne, stritten diese häufig um Gebiete und Titel.

Bolesław III. Krzywousty wollte solche Kämpfe verhindern. Deshalb teilte er das Reich 1138 unter seinen Söhnen auf. Der jeweils älteste Piast sollte als Senior von Krakau aus eine führende Stellung einnehmen. Dieser Plan hielt nicht lange. Die Herzöge erkannten den Vorrang des Seniors nur an, solange es ihren eigenen Interessen entsprach, und teilten ihre Länder später erneut unter ihren Nachkommen auf.

Aus einem Königreich entstand so ein Geflecht aus kleineren Herzogtümern, die miteinander kooperierten, sich aber ebenso häufig bekämpften. Polen verschwand trotzdem nicht vollständig. Die Piasten gehörten weiterhin derselben Dynastie an, während Kirche, Sprache und gemeinsame Traditionen die Landesteile miteinander verbanden.

Wie schwer eine gemeinsame Verteidigung unter diesen Bedingungen war, zeigte der Mongoleneinfall von 1241. Krakau wurde geplündert und niedergebrannt. Bei Legnica unterlag anschließend ein Heer unter Herzog Heinrich II. dem Frommen. Mit seinem Tod scheiterte zugleich der Versuch, die polnischen Gebiete unter der schlesischen Linie der Piasten zu einigen.

Neue Städte und eine vielfältigere Bevölkerung

Die politische Teilung bedeutete nicht automatisch einen wirtschaftlichen Stillstand. Denn die Herzöge warben neue Bewohner an, gründeten Städte und verliehen bestehenden Siedlungen feste Rechte. Häufig orientierten sie sich am Magdeburger Recht, das unter anderem die städtische Selbstverwaltung, Gerichte und den Handel regelte.

Neben der einheimischen Bevölkerung kamen viele Siedler aus deutschsprachigen Gebieten. Vor allem in Schlesien, Pommern und den größeren Städten lebten deshalb Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und Traditionen zusammen. Handelsplätze wie Krakau, Wrocław und Poznań wuchsen, und neue Märkte verbanden die einzelnen Herzogtümer wirtschaftlich miteinander.

Auch jüdische Familien ließen sich zunehmend in den polnischen Gebieten nieder. Das Statut von Kalisz gewährte ihnen 1264 in Großpolen persönlichen Schutz, Religionsfreiheit und geregelte wirtschaftliche Rechte. Spätere Herrscher dehnten diese Privilegien auf weitere Landesteile aus.

Außenansicht des POLIN-Museums zur Geschichte der polnischen Juden in Warschau
Das POLIN-Museum in Warschau erzählt die rund tausendjährige Geschichte der Juden in Polen.

Łokietek und Kasimir der Große

Erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts gewannen die Bemühungen um eine Wiedervereinigung wieder an Kraft. Durchsetzen konnte sich schließlich Władysław I. Łokietek, der Großpolen und Kleinpolen unter seine Herrschaft brachte. Mit seiner Krönung in Krakau wurde 1320 das polnische Königreich wiederhergestellt.

Seine Grenzen entsprachen allerdings nicht mehr dem früheren Piastenreich. Schlesien orientierte sich zunehmend an Böhmen, während Pommerellen mit Danzig an den Deutschen Orden gefallen war. Łokieteks Sohn Kasimir III. übernahm daher ein Königreich, das weiterhin unter starkem Druck seiner Nachbarn stand.

Kasimir setzte nicht allein auf militärische Stärke. Verträge mit Böhmen und dem Deutschen Orden verschafften ihm Zeit, um Verwaltung, Rechtsprechung und königliche Einnahmen neu zu ordnen. Gleichzeitig ließ er Städte und Burgen ausbauen, erweiterte das Reich nach Südosten und dehnte die jüdischen Schutzrechte auf größere Teile Polens aus. In Krakau gründete er 1364 zudem die erste Universität des Landes.

Als Kasimir 1370 ohne einen legitimen Sohn starb, endete die königliche Hauptlinie der Piasten. Er hinterließ jedoch ein gefestigtes Königreich, das nun bereit für die Verbindung mit dem Großfürstentum Litauen war.

Burg Niedzica auf einem bewaldeten Hügel im Süden Polens
Die Burg Niedzica entstand im 14. Jahrhundert und sicherte eine Handelsroute an der damaligen ungarisch-polnischen Grenze.

Der Deutsche Orden und der Kampf um die Ostseeküste

Vom Verbündeten zum eigenständigen Ordensstaat

Der Deutsche Orden entstand während der Kreuzzüge im Heiligen Land. Im frühen 13. Jahrhundert suchte er jedoch nach einem Gebiet, in dem er eine dauerhafte Herrschaft aufbauen konnte. Zur gleichen Zeit kämpfte Herzog Konrad von Masowien gegen die heidnischen Prußen. Dieses westbaltische Volk darf nicht mit den späteren deutschsprachigen Bewohnern Preußens verwechselt werden.

Konrad holte die Ordensritter in das Kulmer Land, von wo aus sie mit der Eroberung der prußischen Gebiete begannen. Der Orden ließ sich seine Ansprüche zusätzlich vom Kaiser und vom Papst bestätigen. Dadurch entstand an der südlichen Ostseeküste ein eigener Staat, den die polnischen Herzöge nicht kontrollierten.

Burgen sicherten das eroberte Gebiet, während Städte wie Toruń und Elbląg zu Handels- und Verwaltungszentren wurden. Danzig war dagegen bereits lange zuvor entstanden. Im Jahr 1308 griff der Orden dort zunächst als Verbündeter in den Kampf gegen brandenburgische Truppen ein. Anschließend behielt er jedoch die Stadt und ganz Pommerellen. Damit kontrollierte er einen Küstenabschnitt, auf den auch die polnischen Herrscher Anspruch erhoben. Aus dem früheren Helfer war ein Konkurrent um den Zugang zur Ostsee geworden.

Marienburg und die Schlacht bei Grunwald

Die Marienburg war zunächst nur der Sitz eines örtlichen Ordenskonvents. Nachdem der Hochmeister seine Residenz im frühen 14. Jahrhundert dorthin verlegt hatte, wurde die Anlage stark erweitert. Sie musste nun Kloster, Festung, Regierungssitz und repräsentative Residenz zugleich sein. Daraus entstand eine der größten Backsteinburgen Europas.

Marienburg in Malbork mit ihren Backsteinmauern am Ufer der Nogat
Die Marienburg war das politische Zentrum des Ordensstaates. Seit 1457 gehörte die gewaltige Backsteinburg zur polnischen Krone.

Die Verbindung Polens mit Litauen veränderte das Kräfteverhältnis in der Region. Am 15. Juli 1410 traf bei Grunwald ein gemeinsames polnisch-litauisches Heer auf die Streitkräfte des Ordens. In Deutschland ist das Gefecht meist als Schlacht bei Tannenberg bekannt. Der Orden erlitt eine schwere Niederlage, bei der auch Hochmeister Ulrich von Jungingen ums Leben kam.

Der Sieg brachte jedoch noch nicht das Ende des Ordensstaates. Das polnisch-litauische Heer erreichte die Marienburg erst einige Tage später und konnte die vorbereitete Festung nicht einnehmen. Polen erhielt im anschließenden Frieden daher nur wenige Gebiete. Für den Orden wurde der Krieg trotzdem zum Problem, denn Lösegelder und militärische Ausgaben leerten seine Kassen. Um die Kosten zu decken, verlangte er höhere Abgaben von Städten und Landständen.

Grunwalddenkmal mit König Władysław Jagiełło in Krakau
Das Grunwalddenkmal erinnert an den Sieg des polnisch-litauischen Heeres über den Deutschen Orden im Jahr 1410.

Der Aufstand gegen den Orden

Unter den Untertanen des Ordens wuchs der Widerstand. Städte und Adlige gründeten den Preußischen Bund und kündigten dem Hochmeister 1454 den Gehorsam. Zugleich baten sie den polnischen König Kasimir IV. Jagiełło, ihre Gebiete in das Königreich aufzunehmen. Daraus entwickelte sich der Dreizehnjährige Krieg.

Danzig unterstützte den König mit Geld und Schiffen. Im Gegenzug erhielt die Stadt weitreichende wirtschaftliche und rechtliche Freiheiten. Diese Privilegien halfen Danzig zu einem der wichtigsten Handelsplätze an der Ostsee aufzusteigen.

Die Marienburg fiel jedoch nicht durch eine Belagerung an Polen, sondern aufgrund der finanziellen Not des Ordens. Da der Hochmeister seine böhmischen Söldner nicht mehr bezahlen konnte, verkauften diese ihre Ansprüche auf die Burg an Kasimir IV. Im Jahr 1457 zog der polnische König in die Anlage ein.

Der Zweite Frieden von Thorn beendete 1466 den Krieg. Pommerellen mit Danzig sowie Malbork, Elbląg, das Kulmer Land und das Ermland kamen unter die polnische Krone. Dem Orden blieb ein kleinerer östlicher Teil mit Königsberg, den der Hochmeister als polnisches Lehen regieren musste.

Diese Herrschaft endete 1525. Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach trat zum Protestantismus über und machte aus dem verbliebenen Ordensland das weltliche Herzogtum Preußen. Der Deutsche Orden bestand zwar weiterhin, besaß aber an der Ostsee keinen eigenen Staat mehr.

Polen und Litauen unter den Jagiellonen

Eine Ehe verändert das Kräfteverhältnis

Am Anfang der Verbindung zwischen Polen und Litauen stand eine Heirat, hinter der vor allem Politik steckte. Nach dem Tod Kasimirs des Großen war die polnische Krone über die ungarischen Anjou an Jadwiga gelangt. Für die einflussreichen Adligen stellte sich nun die Frage, welcher Ehemann ihre Stellung sichern und dem Königreich einen starken Verbündeten verschaffen konnte.

Der litauische Großfürst Jogaila brachte beides mit. Sein Herrschaftsgebiet reichte weit in die heutige Ukraine und nach Belarus hinein. Allerdings war Litauen religiös gespalten. Jogaila hielt noch am Glauben seiner Vorfahren fest, während viele seiner Untertanen bereits orthodoxe Christen waren. Dem Deutschen Orden lieferte das einen willkommenen Vorwand für immer neue Feldzüge gegen Litauen.

Im Vertrag von Krewo erklärte sich Jogaila 1385 bereit, katholischer Christ zu werden und Jadwiga zu heiraten. Nach seiner Taufe nahm er den Namen Władysław an und bestieg als Władysław II. Jagiełło den polnischen Thron. Litauen hatte nun einen Verbündeten gegen den Deutschen Orden. Polen wiederum war mit einem Herrschaftsraum verbunden, der weit nach Osten reichte.

Ein gemeinsamer Staat entstand daraus noch nicht. Polen und Litauen behielten ihre eigenen Gesetze, Ämter und Eliten. Gemeinsam war ihnen zunächst vor allem der Herrscher. Wie eng beide Länder tatsächlich zusammengehörten, blieb deshalb über Generationen hinweg Gegenstand politischer Auseinandersetzungen.

Adel, Städte und der Handel über Danzig

Nach Jadwigas frühem Tod blieb Jagiełło polnischer König und begründete die Dynastie der Jagiellonen. Seine Familie regierte Polen und Litauen fast zwei Jahrhunderte lang. Zeitweise herrschten Jagiellonen auch in Böhmen und Ungarn, sodass ein großer Teil Mitteleuropas von Mitgliedern derselben Familie regiert wurde.

Statue von König Władysław Jagiełło an einer Hausfassade in Nowy Sącz
Die Statue in Nowy Sącz zeigt Władysław Jagiełło, den litauischen Großfürsten, der 1386 König von Polen wurde.

In Polen konnte der König trotzdem nicht einfach allein entscheiden. Der Landadel bestand auf seinen Rechten und gewann immer größeren Einfluss. Daraus entwickelte sich der Sejm, in dem der Herrscher mit Senatoren und gewählten Vertretern des Adels verhandeln musste. Seit 1505 waren neue Gesetze ohne deren Zustimmung kaum noch möglich.

Davon profitierte allerdings nur eine Minderheit. Stadtbürger besaßen wenig politischen Einfluss, und für die Bauern verschlechterte sich die Lage sogar. Viele Adlige vergrößerten ihre Güter, weil sich mit Getreide gutes Geld verdienen ließ. Dafür verlangten sie mehr Arbeitsdienste und schränkten die Freizügigkeit der Landbevölkerung immer stärker ein.

Der wirtschaftliche Motor lag weit im Norden. Getreide, Holz und andere Waren wurden auf der Weichsel nach Danzig gebracht und dort auf Schiffe verladen. Von der Ostsee aus reichten die Handelsverbindungen bis in die Niederlande, nach England und Skandinavien. Danzig wuchs dadurch zur größten und wohlhabendsten Stadt des Königreichs heran.

Gleichzeitig erlebte Krakau eine kulturelle Blüte. Am Königshof verbreitete sich die Renaissance, und die Universität zog Studenten aus verschiedenen Ländern an. Einer von ihnen war Nikolaus Kopernikus, der später das damals vorherrschende Bild vom Aufbau des Sonnensystems infrage stellte.

Aus der Verbindung wird ein gemeinsamer Staat

Bis ins 16. Jahrhundert blieb das Verhältnis zwischen Polen und Litauen vergleichsweise locker. Dann geriet Litauen im Osten zunehmend unter den Druck des Moskauer Reiches. Außerdem hatte König Sigismund II. August keine Kinder. Nach seinem Tod drohte die Verbindung beider Länder auseinanderzubrechen.

Die Verhandlungen auf dem Sejm von Lublin sollten das verhindern. Sie waren keineswegs eine Formsache, denn besonders die mächtigen litauischen Familien wollten ihre Eigenständigkeit nicht aufgeben. Nach langen und harten Auseinandersetzungen kam 1569 dennoch eine Einigung zustande.

Die neue Rzeczpospolita Obojga Narodów, die Republik beider Nationen, erhielt einen gemeinsamen Herrscher, einen gemeinsamen Sejm und eine abgestimmte Außenpolitik. Polen und Litauen gingen darin aber nicht vollständig auf. Verwaltungen, Gerichte, Staatskassen und Armeen blieben getrennt.

Auch der Name „Republik beider Nationen“ vermittelt nur einen Teil der Wirklichkeit. Im riesigen Staatsgebiet lebten neben Polen und Litauern auch Ruthenen, Deutsche, Juden, Armenier und Tataren. Katholische, orthodoxe und protestantische Christen lebten dort ebenso wie jüdische und muslimische Gemeinschaften.

Drei Jahre nach der Union starb Sigismund II. August als letzter Jagiellone. Der gemeinsame Staat zerfiel trotzdem nicht. Weil nun ein erblicher Nachfolger fehlte, wählte der Adel künftig den König.

Die Adelsrepublik und die Krisen des 17. Jahrhunderts

Ein König, den der Adel wählen durfte

Nach dem Tod des letzten Jagiellonen ging die polnische Krone nicht mehr automatisch an einen Erben. Stattdessen wählte der Adel den König. An der ersten freien Wahl im Jahr 1573 beteiligten sich Zehntausende Adlige auf einem Feld vor Warschau. Ihre Entscheidung fiel auf den französischen Prinzen Heinrich von Valois, der in Polen als Henryk Walezy regierte.

Bevor er die Krone erhielt, musste Henryk umfangreiche Rechte des Adels anerkennen. Der König durfte neue Steuern und Kriege nicht allein beschließen und musste den Sejm regelmäßig einberufen. Verletzte er diese Vereinbarungen, konnte ihm der Adel sogar den Gehorsam verweigern.

Henryks Herrschaft dauerte nur wenige Monate. Nachdem sein Bruder gestorben war, verließ er heimlich Polen, um König von Frankreich zu werden. An der Wahlmonarchie hielt die Adelsrepublik dennoch fest. Die sogenannte goldene Freiheit gab einem im europäischen Vergleich ungewöhnlich großen Teil des Adels politische Mitsprache. Bürger und Bauern blieben davon allerdings ausgeschlossen.

Religiöse Vielfalt und ihre Grenzen

Bei der ersten Königswahl tobten in anderen Teilen Europas bereits Kriege zwischen Katholiken und Protestanten. In Polen-Litauen hätte ein solcher Konflikt den Staat ebenfalls zerreißen können, denn zur Oberschicht gehörten Katholiken, Orthodoxe, Lutheraner und Calvinisten.

Die Warschauer Konföderation verpflichtete den Adel deshalb 1573, religiöse Streitigkeiten nicht mit Gewalt auszutragen. Das war noch keine Glaubensfreiheit im heutigen Sinne, half aber dabei, größere Religionskriege zunächst zu verhindern. Auch jüdische Gemeinden verwalteten viele ihrer religiösen und sozialen Angelegenheiten selbst. Daneben lebten muslimische Tataren, Armenier und Mennoniten im Land.

Im 17. Jahrhundert wurde das Klima enger. Die katholische Gegenreformation gewann an Einfluss, während der protestantische Anteil unter den Adligen zurückging. Einige Glaubensgemeinschaften verloren ihre bisherigen Rechte oder mussten das Land verlassen.

Ein großer Staat gerät in eine Folge von Kriegen

Um 1600 gehörte Polen-Litauen zu den größten Staaten Europas. Die Größe täuschte jedoch über ein schwaches politisches Zentrum hinweg. Der König war bei Steuern und Truppen auf den Sejm angewiesen, während mächtige Magnaten im Osten über riesige Ländereien und eigene bewaffnete Gefolgschaften verfügten.

Besonders angespannt war die Lage in den ukrainischen Gebieten. Kosaken verteidigten die südöstliche Grenze und kämpften in den Kriegen der Adelsrepublik, erhielten aber nur begrenzte politische Rechte. Zugleich nahm der Druck auf die bäuerliche Bevölkerung zu. Hinzu kamen Konflikte zwischen der überwiegend orthodoxen Bevölkerung und katholischen Grundbesitzern.

Aus diesen Spannungen entstand 1648 der Aufstand unter Bohdan Chmelnyzkyj. Große Teile der Ukraine wurden zum Kriegsgebiet. Dabei verübten die Aufständischen Massaker an polnischen Adligen, katholischen Geistlichen und jüdischen Gemeinden. Auch die Truppen der Adelsrepublik und ihre Verbündeten gingen mit großer Gewalt gegen die Bevölkerung vor.

Chmelnyzkyj suchte schließlich Schutz beim Moskauer Zaren. Damit eskalierte der Aufstand zu einem Krieg zwischen Polen-Litauen und Russland. Noch während dieser Auseinandersetzung griff Schweden 1655 von Norden an und besetzte in kurzer Zeit große Teile des Landes.

Die schwedische Invasion blieb als Potop, die „Sintflut“, in Erinnerung. Städte, Dörfer und Schlösser wurden geplündert, während gleichzeitig russische und kosakische Truppen im Osten kämpften. Zwar wurden die Schweden wieder vertrieben, doch das Land verlor einen großen Teil seiner Bevölkerung und Wirtschaftskraft. Auch Kiew und weite Gebiete östlich des Dnipro gingen an Russland verloren.

Das liberum veto blockiert den Staat

Während der Kriege trat ein Problem des Sejm immer deutlicher hervor. Seine Beschlüsse sollten grundsätzlich von allen Abgeordneten getragen werden. Im Jahr 1652 wurde erstmals eine Sitzung nach dem Einspruch eines einzelnen Abgeordneten abgebrochen. Daraus entwickelte sich das liberum veto: Ein einziger Widerspruch konnte den gesamten Sejm scheitern lassen.

Was Minderheiten ursprünglich vor dem Überstimmtwerden schützen sollte, wurde zunehmend zum politischen Werkzeug. Magnaten ließen Sitzungen blockieren, wenn Beschlüsse ihren Interessen widersprachen. Später bezahlten auch ausländische Mächte Abgeordnete dafür, Reformen zu verhindern.

Polen-Litauen konnte trotzdem noch große Armeen aufstellen. Das zeigte sich 1683, als König Jan III. Sobieski ein Bündnisheer zum Entsatz des belagerten Wien führte und die osmanischen Truppen besiegte. Der gefeierte Sieg änderte jedoch wenig an den inneren Problemen. Sobieskis Reformversuche scheiterten, und nach seinem Tod nahmen Russland, Preußen und Österreich zunehmend Einfluss auf die Königswahlen und Entscheidungen des Sejm.

Reformen und die drei Teilungen Polens

Russland gewinnt die Oberhand

Die Adelsrepublik ging nicht unter, weil niemand ihre Schwächen erkannt hätte. Im 18. Jahrhundert gab es ernsthafte Versuche, den Staat zu reformieren. Gerade diese Veränderungen wollten Russland, Preußen und Österreich jedoch verhindern.

Den Anfang dieser Entwicklung bildete der Große Nordische Krieg. Der polnische König August II. war zugleich Kurfürst von Sachsen und zog an der Seite Russlands gegen Schweden in den Krieg. Polen-Litauen gehörte zunächst nicht offiziell zu den Kriegsparteien, wurde aber trotzdem zum Schauplatz der Kämpfe. Fremde Armeen zogen durch das Land, beschlagnahmten Vorräte und unterstützten jeweils jene Adelsgruppen, die ihren Interessen dienten.

Russland ging aus dem Krieg als neue Großmacht an der Ostsee hervor. Wie weit sein Einfluss bereits reichte, zeigte 1717 der sogenannte Stumme Sejm. Während der Sitzung durften die Abgeordneten nicht diskutieren, damit kein Einspruch die vorbereiteten Beschlüsse verhinderte. Russland trat dabei als Vermittler und anschließend als Garant der neuen Ordnung auf. Die polnische Armee blieb klein, und der Zar konnte sich künftig immer offener in die inneren Angelegenheiten des Landes einmischen.

Mit russischer Unterstützung wurde Stanisław August Poniatowski 1764 zum König gewählt. Obwohl er politisch von Zarin Katharina II. abhängig war, förderte er Bildung, Verwaltung und Wirtschaft. Seine vorsichtigen Reformen gingen manchen Adligen bereits zu weit, anderen dagegen nicht weit genug.

Als der russische Botschafter immer stärker in die Politik eingriff, gründeten konservative Adlige die Konföderation von Bar. Ihr Aufstand richtete sich zugleich gegen Russland, den König und Teile seines Reformprogramms. Nach vier Jahren nutzten Russland, Preußen und Österreich die Unruhen als Vorwand für die erste Teilung Polens.

Die erste Teilung trifft auch Danzig

1772 nahmen die drei Nachbarstaaten große Gebiete der Adelsrepublik an sich. Russland besetzte Land im Osten, Österreich erhielt Galizien und Preußen den größten Teil des Königlichen Preußens. Danzig und Toruń blieben zunächst polnisch, waren nun aber fast vollständig von preußischem Gebiet umgeben.

Für Danzig war das besonders problematisch. Preußen kontrollierte fortan die untere Weichsel und konnte den Warenverkehr zum Hafen mit hohen Zöllen belasten. Die Stadt gehörte also weiterhin zur Adelsrepublik, verlor jedoch einen Teil ihres wirtschaftlichen Hinterlandes.

Die Teilung löste in Polen keinen politischen Stillstand aus. Im Gegenteil: Viele Adlige erkannten nun, dass sich der Staat nur mit einer stärkeren Verwaltung, einer größeren Armee und einem funktionsfähigen Parlament behaupten konnte. Bereits 1773 entstand die Kommission für Nationale Bildung, die Schulen neu ordnete und moderne Lehrbücher erarbeiten ließ.

Die Verfassung vom 3. Mai

Als Russland ab 1788 durch Kriege gegen das Osmanische Reich und Schweden gebunden war, nutzte der Vierjährige Sejm den größeren politischen Spielraum. Er erhöhte die Stärke der Armee, erweiterte die Rechte der königlichen Städte und arbeitete an einer neuen Staatsordnung.

Das Ergebnis war die Verfassung vom 3. Mai 1791. Sie schaffte das liberum veto ab und ersetzte die Wahlmonarchie durch eine erbliche Thronfolge. Im Sejm sollten künftig Mehrheitsentscheidungen gelten, während eine von einem König geführte Regierung die Beschlüsse umsetzte.

Auch die Stellung der Stadtbürger verbesserte sich. Sie erhielten persönliche Sicherheit, Zugang zu öffentlichen Ämtern und das Recht, Land zu erwerben. Die Bauern blieben dagegen ihren Grundherren unterstellt. Die Verfassung stellte sie erstmals unter den Schutz des Staates, hob die Leibeigenschaft aber nicht auf.

Für die Adelsrepublik bot die neue Ordnung die Chance, wieder selbstständig handeln zu können. Genau darin lag aus russischer Sicht die Gefahr. Auch einige Magnaten fürchteten um ihre Vorrechte und suchten Unterstützung bei Katharina II.

Targowica und die zweite Teilung

Die Gegner der Verfassung gründeten mit russischer Hilfe die Konföderation von Targowica. Unter dem Vorwand, die alten Freiheiten des Adels wiederherzustellen, marschierte 1792 eine russische Armee in Polen-Litauen ein.

Die neu aufgestellte polnische Armee leistete mehrere Monate lang Widerstand. Als Hilfe aus dem Ausland ausblieb, schloss sich Stanisław August jedoch der Konföderation an und beendete den Kampf. Die Reformen wurden aufgehoben, doch die von Targowica versprochene Rückkehr zur alten Ordnung blieb aus.

Stattdessen teilten Russland und Preußen das Land 1793 ein zweites Mal. Russland erhielt weitere Gebiete im Osten. Preußen annektierte Großpolen, Danzig und Toruń. Übrig blieb ein stark verkleinerter Staat, dessen Politik und Armee weitgehend unter russischer Kontrolle standen.

Kościuszko-Aufstand und Ende des Staates

Gegen die Besatzung erhob sich 1794 ein Aufstand unter Tadeusz Kościuszko. Neben Soldaten und Adligen beteiligten sich nun auch zahlreiche Stadtbürger und Bauern. Mit dem Erlass von Połaniec verringerte Kościuszko die Frondienste vieler Bauern und versprach den Teilnehmern persönlichen Schutz.

Nach ersten Erfolgen waren die Aufständischen den russischen und preußischen Armeen jedoch nicht gewachsen. Kościuszko geriet im Herbst in Gefangenschaft, wenig später eroberten russische Truppen den Warschauer Vorort Praga.

1795 teilten Russland, Preußen und Österreich auch den Rest des Landes unter sich auf. Stanisław August musste abdanken, und Polen-Litauen verschwand von der politischen Landkarte. Erst 123 Jahre später entstand wieder ein unabhängiger polnischer Staat.

Polen unter fremder Herrschaft – 1795 bis 1918

Napoleon weckt neue Hoffnungen

Obwohl kein polnischer Staat mehr existierte, verschwand die Hoffnung auf seine Rückkehr nicht. Viele Polen sahen in Napoleon einen möglichen Verbündeten, weil Frankreich gegen Russland, Preußen und Österreich kämpfte. Polnische Soldaten schlossen sich deshalb seinen Armeen an.

Nach einem Sieg über Preußen gründete Napoleon 1807 das Herzogtum Warschau. Es besaß eine Verfassung, eine polnische Verwaltung und ein eigenes Heer, blieb jedoch von Frankreich abhängig. Die persönliche Leibeigenschaft der Bauern wurde aufgehoben. Da der Grundbesitz überwiegend beim Adel blieb, änderte sich ihr wirtschaftlicher Alltag jedoch nur langsam.

Mit Napoleons Niederlage war auch dieses kurze Experiment beendet. Der Wiener Kongress teilte die polnischen Gebiete 1815 erneut auf. Der größte Teil des Herzogtums wurde als Königreich Polen mit dem russischen Zaren verbunden. Anfangs besaß es noch eine eigene Verfassung, Verwaltung und Armee. Andere Landesteile gerieten wieder unter preußische oder österreichische Herrschaft.

Drei Teilungsgebiete entwickeln sich auseinander

Die Teilungsmächte gingen nicht überall gleich vor. Auch innerhalb der einzelnen Gebiete wechselte ihre Politik. Deshalb verlief das Leben unter russischer, preußischer und österreichischer Herrschaft sehr unterschiedlich.

Im russisch beherrschten Königreich Polen bestanden zunächst eigene Institutionen. Der Zar schränkte ihre Rechte jedoch immer weiter ein, überwachte politische Gegner und ließ die Presse zensieren. Nach den polnischen Aufständen verschwanden schließlich fast alle Reste der Autonomie.

In den preußischen Gebieten verstärkte sich vor allem nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs der Druck auf die polnische Sprache. Schulen und Behörden wurden germanisiert, außerdem unterstützte der Staat den Verkauf polnischen Grundbesitzes an deutsche Siedler. Viele Polen reagierten darauf mit eigenen Banken, Genossenschaften und Bildungsvereinen. Sie versuchten also, sich nicht allein politisch, sondern ebenso wirtschaftlich gegen die Verdrängung zu behaupten.

Mehr Freiraum gab es ab den 1860er-Jahren im österreichischen Galizien. Polnisch durfte dort in Schulen, Hochschulen und Behörden verwendet werden. Krakau und Lemberg entwickelten sich daher zu Zentren des polnischen Kulturlebens. Die Region blieb dennoch arm, weshalb viele Bewohner nach Westeuropa oder Amerika auswanderten. Außerdem lebten in Galizien zahlreiche Ukrainer und Juden, deren Interessen von den polnischen Eliten nicht immer berücksichtigt wurden.

Aufstände und ein neuer Weg des Widerstands

Im russischen Teilungsgebiet kam es 1830 zum Novemberaufstand. Aus einer Erhebung von Offiziersschülern in Warschau entwickelte sich ein Krieg, in dem reguläre polnische Truppen gegen Russland kämpften. Nach einigen Erfolgen fiel Warschau im folgenden Jahr.

Die Niederlage hatte schwere Folgen. Der Zar löste die polnische Armee auf, schloss Hochschulen und ließ zahlreiche Beteiligte enteignen oder nach Sibirien deportieren. Viele Politiker, Künstler und Schriftsteller gingen ins Ausland. Paris wurde dadurch zu einem wichtigen Zentrum des polnischen Exils.

Ein weiterer Aufstand begann 1863. Diesmal verfügten die Aufständischen kaum über reguläre Truppen und führten einen Guerillakrieg. Eine geheime Nationalregierung koordinierte den Widerstand und versprach den Bauern eigenes Land. Trotzdem gelang es nicht, große Teile der Landbevölkerung dauerhaft zu gewinnen. Nach fast zwei Jahren war auch dieser Aufstand niedergeschlagen.

Danach setzte ein Teil der polnischen Gesellschaft auf die sogenannte organische Arbeit. Statt auf einen baldigen bewaffneten Sieg zu hoffen, gründeten Polen Schulen, Zeitungen, Vereine, Unternehmen und Genossenschaften. Sie wollten damit ihre Sprache, Kultur und wirtschaftliche Stellung bewahren. Der Gedanke eines eigenen Staates blieb bestehen, bekam nun aber ein gesellschaftliches Fundament, das weit über den Adel hinausreichte.

Aus den Teilungsgebieten entsteht eine Nation

Mehr als ein Jahrhundert unter drei verschiedenen Mächten hinterließ tiefe Spuren. Die Menschen lebten unter anderen Gesetzen, Verwaltungen, Schulsystemen und Eisenbahnnetzen. Selbst wirtschaftlich entwickelten sich die Regionen in unterschiedliche Richtungen.

Trotzdem setzte sich eine gemeinsame polnische Identität durch. Zeitungen, Literatur, Schulen und politische Bewegungen erreichten nun zunehmend auch Arbeiter und Bauern. Die polnische Nation war nicht länger nur eine Angelegenheit des Adels.

Gleichzeitig entwickelten Litauer, Ukrainer und Belarussen eigene nationale Bewegungen. Ihre Vorstellungen von Heimat und künftigen Staatsgrenzen überschnitten sich häufig mit den polnischen Ansprüchen. Solange die Teilungsmächte herrschten, blieben diese Konflikte teilweise verdeckt. Nach 1918 brachen sie offen aus.

Die Möglichkeit eines eigenen Staates entstand durch den Ersten Weltkrieg. Deutschland und Österreich-Ungarn kämpften gegen Russland, sodass die drei Teilungsmächte erstmals gegeneinanderstanden. Polnische Soldaten dienten dabei in verschiedenen Armeen und mussten teilweise gegeneinander kämpfen.

Auch die polnischen Politiker verfolgten unterschiedliche Wege. Józef Piłsudski stellte Legionen auf und kämpfte zunächst gegen Russland. Roman Dmowski setzte dagegen auf einen Sieg der Entente und warb in Westeuropa für einen polnischen Staat. Ignacy Jan Paderewski unterstützte dieses Ziel vor allem in den USA.

Im Herbst 1918 brachen Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn zusammen. Polnische Behörden übernahmen daraufhin in mehreren Städten die Macht. Piłsudski kehrte aus deutscher Haft nach Warschau zurück und erhielt am 11. November den Oberbefehl über die Streitkräfte. Dieses Datum gilt heute als polnischer Unabhängigkeitstag.

Ein fertiger Staat entstand an diesem Tag noch nicht. Polen hatte wieder eine Regierung, doch weder seine Grenzen noch das Verhältnis zu den Nachbarvölkern waren geklärt. Darüber entschieden in den folgenden Jahren Verhandlungen, Aufstände und Kriege.

Ausgestellte polnische Militäruniformen aus verschiedenen Epochen
olnische Militäruniformen aus verschiedenen Epochen zeigen, wie stark sich Armee und Staat im Laufe der Geschichte veränderten.

Die Zweite Polnische Republik – 1918 bis 1939

Ein Staat, dessen Grenzen noch offen waren

Mit der Unabhängigkeit war zunächst nur eine Frage beantwortet: Polen existierte wieder. Wo seine Grenzen verlaufen sollten, blieb dagegen umstritten. In den beanspruchten Gebieten lebten neben Polen auch Deutsche, Ukrainer, Belarussen, Litauer und Juden. Fast jede Grenzziehung betraf daher mehrere Bevölkerungsgruppen.

Der Versailler Vertrag gab Polen Gebiete im Westen und einen schmalen Zugang zur Ostsee. Danzig wurde jedoch kein Teil des Landes, sondern eine Freie Stadt unter dem Schutz des Völkerbundes. Polen durfte den Hafen nutzen und vertrat Danzig außenpolitisch, während die überwiegend deutschsprachige Bevölkerung eine eigene Regierung besaß.

Auch um Oberschlesien und die Gebiete im Osten wurde gekämpft. Im Krieg gegen Sowjetrussland rückte die Rote Armee 1920 bis vor Warschau vor, bevor polnische Truppen sie zurückschlugen. Der anschließende Frieden verschob Polens Grenze weit nach Osten. Zum neuen Staatsgebiet gehörten dadurch Regionen, in denen Polen teilweise nur eine Minderheit stellten.

Aus drei Teilungsgebieten wird ein Staat

Die neue Republik bestand aus Landesteilen, die mehr als 100 Jahre zu Russland, Preußen oder Österreich gehört hatten. Dort galten unterschiedliche Gesetze, Währungen und Verwaltungsregeln. Selbst die Eisenbahnstrecken führten eher nach Berlin, Wien oder Moskau als in andere polnische Regionen.

Die Verfassung von 1921 machte Polen zu einer parlamentarischen Republik. Frauen besaßen bereits seit 1918 das Wahlrecht, und die Verfassung versprach allen Bürgern gleiche Rechte. Die Vielzahl der Parteien erschwerte jedoch stabile Mehrheiten. Regierungen wechselten häufig, während politische und nationale Gegensätze immer schärfer wurden.

Wie aufgeheizt die Stimmung war, zeigte die Ermordung des ersten Staatspräsidenten Gabriel Narutowicz. Nationalisten lehnten ihn ab, weil er auch mit den Stimmen der Minderheiten gewählt worden war. Nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt erschoss ihn ein rechtsextremer Attentäter.

Józef Piłsudski machte das Parlament für die politische Krise verantwortlich. Im Mai 1926 übernahm er nach dreitägigen Kämpfen in Warschau die Kontrolle. Präsident wurde er nicht, bestimmte als Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber aber die Politik. Unter der sogenannten Sanacja bestand das Parlament zwar weiter, verlor jedoch zunehmend an Einfluss. Oppositionspolitiker wurden verfolgt und teilweise inhaftiert. Polen war damit keine parlamentarische Demokratie mehr, aber auch keine totalitäre Diktatur wie seine späteren Nachbarstaaten.

Gdynia, Wirtschaftskrise und nationale Spannungen

Neben dem politischen Aufbau musste die Regierung auch die Wirtschaft zusammenführen. Eine Währungsreform beendete 1924 die Hyperinflation und führte den Złoty ein. Außerdem investierte der Staat in neue Verkehrswege und einen eigenen Ostseehafen.

Dieser Hafen entstand in Gdynia. Polen konnte zwar Danzig nutzen, wollte beim Außenhandel aber nicht von der Freien Stadt abhängig bleiben. Aus dem kleinen kaschubischen Ort wurde deshalb innerhalb weniger Jahre eine moderne Hafenstadt. Eine neue Bahnstrecke verband Gdynia direkt mit den Bergwerken und Hütten Oberschlesiens.

Die Weltwirtschaftskrise traf das überwiegend landwirtschaftlich geprägte Polen schwer. Arbeitslosigkeit und Armut nahmen zu, während viele Bauern kaum vom Ertrag ihrer kleinen Höfe leben konnten. Neue Industrieprojekte verbesserten die Lage in einigen Regionen, waren 1939 jedoch noch nicht abgeschlossen.

Etwa ein Drittel der Bevölkerung gehörte einer nationalen Minderheit an. Obwohl die Verfassung gleiche Rechte versprach, drängte der Staat besonders in den östlichen Gebieten auf die polnische Sprache und Kultur. Ukrainer und Belarussen erlebten diese Politik als Benachteiligung. Auch jüdische Bürger besaßen eigene Schulen, Parteien und ein lebendiges Kulturleben, waren in den 1930er-Jahren aber zunehmend Boykotten, Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt.

Der Weg in den Krieg

Polen versuchte außenpolitisch, Abstand zu Deutschland und der Sowjetunion zu halten. Mit beiden Nachbarn schloss es Nichtangriffsvereinbarungen. Gleichzeitig nutzte die polnische Regierung 1938 die Zerschlagung der Tschechoslowakei, um das umstrittene Olsagebiet zu besetzen. Das belastet die Bewertung ihrer Außenpolitik bis heute.

Kurz darauf verlangte Hitler die Eingliederung Danzigs in das Deutsche Reich und eine deutsche Verkehrsverbindung durch den polnischen Korridor. Polen lehnte ab, weil es weitere Gebietsansprüche erwartete.

Im August 1939 einigten sich Deutschland und die Sowjetunion im geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts auf die Aufteilung Ostmitteleuropas. Neun Tage später griff Deutschland Polen an.

Polen im Zweiten Weltkrieg – Besatzung, Holocaust und Widerstand

Der Angriff von zwei Seiten

Am 1. September 1939 griff das Deutsche Reich Polen an. Zu den ersten Zielen gehörte die Westerplatte bei Danzig, die sieben Tage lang verteidigt wurde. Auch die Mitarbeiter der Polnischen Post in der Freien Stadt leisteten Widerstand. Gleichzeitig rückte die Wehrmacht von Westen, Norden und aus der Slowakei vor.

Großbritannien und Frankreich erklärten Deutschland zwar den Krieg, griffen aber nicht so stark ein, dass sie die polnische Armee entlasten konnten. Am 17. September marschierte außerdem die Rote Armee von Osten ein. Deutschland und die Sowjetunion hatten zuvor im geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts vereinbart, Polen untereinander aufzuteilen.

Anfang Oktober endeten die größeren Kämpfe. Polen kapitulierte als Staat dennoch nicht. Die Regierung setzte ihre Arbeit zunächst in Frankreich und später in London fort, während sich im besetzten Land ein Untergrundstaat bildete.

Zwei Besatzungsmächte

Deutschland gliederte die westlichen und nördlichen Gebiete direkt in das Reich ein. Dazu gehörten Pommern, Danzig und große Teile Großpolens. Das übrige deutsche Besatzungsgebiet wurde als sogenanntes Generalgouvernement von Krakau aus verwaltet.

In den annektierten Regionen sollten Vertreibungen, Germanisierung und die Ansiedlung Deutscher die Bevölkerung dauerhaft verändern. Deutsche Einsatzgruppen ermordeten Lehrer, Geistliche, Beamte und andere Angehörige der polnischen Führungsschichten. An der Ostseeküste wurden Tausende Menschen in den Wäldern von Piaśnica erschossen. Das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig nahm bereits einen Tag nach Kriegsbeginn die ersten Gefangenen auf.

Auch im Generalgouvernement bestimmten Terror, Zwangsarbeit und wirtschaftliche Ausbeutung den Alltag. Hochschulen wurden geschlossen, der Schulunterricht stark beschränkt und Menschen bei Razzien festgenommen. Millionen polnische Bürger mussten im Deutschen Reich arbeiten.

Die Sowjetunion gliederte Ostpolen in die Ukrainische und die Belarussische Sowjetrepublik ein. Der Geheimdienst NKWD verhaftete vermeintliche Gegner und deportierte Hunderttausende Menschen in entfernte Teile der Sowjetunion. Im Frühjahr 1940 wurden fast 22.000 polnische Offiziere, Polizisten und Beamte ermordet. Bekannt wurde dieses Verbrechen unter dem Namen Massaker von Katyn.

Der Holocaust im besetzten Polen

Vor dem Krieg lebten in Polen mehr als drei Millionen Juden. Unter der deutschen Besatzung verloren sie ihre Rechte und ihren Besitz. Hunderttausende wurden in Ghettos eingesperrt, wo Hunger und Krankheiten bereits zahlreiche Menschen töteten.

Mit dem Angriff auf die Sowjetunion begann 1941 der systematische Mord an den europäischen Juden. Das NS-Regime errichtete im besetzten Polen die Vernichtungslager Bełżec, Sobibór, Treblinka und Chełmno. Auch Auschwitz-Birkenau wurde zu einem Zentrum des Holocaust. Diese Lager waren deutsche Einrichtungen und wurden von deutschen SS- und Polizeibehörden betrieben.

Jüdische Widerstandsgruppen kämpften gegen die Vernichtung. Der größte Aufstand begann 1943 im Warschauer Ghetto, weitere Erhebungen und Fluchtversuche gab es in mehreren Lagern.

Einige Polen versteckten jüdische Nachbarn oder besorgten ihnen falsche Papiere. Dabei drohte im besetzten Polen auch ihren Familien die Todesstrafe. Die vom Untergrund unterstützte Organisation Żegota koordinierte einen Teil dieser Hilfe. Andere beteiligten sich dagegen an Erpressungen, Denunziationen und Morden. In Jedwabne töteten polnische Einwohner unter deutscher Besatzung einen großen Teil ihrer jüdischen Nachbarn.

Fast drei Millionen polnische Juden wurden im Holocaust ermordet. Hinzu kamen nach heutigen Schätzungen etwa 1,8 bis 1,9 Millionen nichtjüdische polnische Zivilisten, die durch die deutsche Besatzung ihr Leben verloren.

Torhaus von Auschwitz-Birkenau mit den Bahngleisen zum ehemaligen Lager
Durch das Torhaus von Auschwitz-Birkenau fuhren Deportationszüge in das von Deutschland errichtete Konzentrations- und Vernichtungslager.

Untergrundstaat und polnische Armeen

Trotz der Besatzung arbeiteten Teile des polnischen Staates heimlich weiter. Die Exilregierung in London verfügte im Land über eine geheime Verwaltung, Gerichte und Schulen. Ihr größter bewaffneter Verband war die Heimatarmee, die Armia Krajowa. Sie sammelte Informationen, verübte Sabotageakte und bereitete einen landesweiten Aufstand vor.

Auch außerhalb Polens kämpften polnische Soldaten weiter. Piloten beteiligten sich an der Luftschlacht um England, andere Einheiten kämpften in Nordafrika, Italien und Westeuropa. Besonders bekannt wurde das polnische Korps unter Władysław Anders, das 1944 an der Einnahme des Klosters Monte Cassino beteiligt war.

Das Verhältnis zur Sowjetunion blieb schwierig. Nachdem deutsche Truppen die Massengräber von Katyn entdeckt hatten, verlangte die polnische Regierung eine unabhängige Untersuchung. Stalin brach daraufhin die diplomatischen Beziehungen ab und unterstützte stattdessen den Aufbau eigener polnischer Truppen sowie einer kommunistisch geführten Gegenregierung.

Zwei Aufstände in Warschau

Der Aufstand im Warschauer Ghetto und der Warschauer Aufstand waren zwei verschiedene Ereignisse. Im Frühjahr 1943 kämpften jüdische Widerstandsgruppen gegen die Auflösung des Ghettos und die Deportation seiner letzten Bewohner. Nach mehreren Wochen schlugen deutsche Truppen den Aufstand nieder und zerstörten das Viertel.

Am 1. August 1944 erhob sich die Heimatarmee in weiten Teilen Warschaus. Sie wollte die Hauptstadt selbst befreien, bevor die Rote Armee eintraf, und damit den Führungsanspruch der Exilregierung sichern. Viele Kämpfer waren nur schlecht bewaffnet.

Die erhoffte sowjetische Unterstützung blieb aus. Ob dafür vor allem militärische Gründe oder Stalins Interesse an der Ausschaltung des nichtkommunistischen Widerstands verantwortlich waren, wird weiterhin diskutiert. Deutsche Einheiten gingen unterdessen mit äußerster Gewalt gegen die Bevölkerung vor. Allein im Stadtteil Wola ermordeten sie innerhalb weniger Tage Zehntausende Menschen.

Nach 63 Tagen musste die Heimatarmee aufgeben. Rund 150.000 Zivilisten waren gestorben. Die Überlebenden wurden aus Warschau vertrieben, anschließend zerstörten deutsche Einheiten große Teile der Stadt.

Kriegsende und neue Grenzen

Als die Rote Armee nach Polen vorrückte, kämpften Einheiten der Heimatarmee teilweise gemeinsam mit ihr gegen Deutschland. Anschließend wurden jedoch viele polnische Offiziere entwaffnet und verhaftet. Gleichzeitig übernahm eine von Moskau unterstützte kommunistische Verwaltung die Kontrolle.

Über Polens politische Zukunft entschieden vor allem die Sowjetunion, die USA und Großbritannien. Die Westalliierten akzeptierten die von Stalin verlangte Verschiebung der polnischen Ostgrenze. Als Ausgleich erhielt Polen ehemalige deutsche Gebiete im Westen und Norden, darunter große Teile Schlesiens und Pommerns sowie Danzig und Stettin.

Mit den Grenzen veränderte sich auch die Bevölkerung. Millionen Deutsche flohen oder wurden aus den neuen polnischen Gebieten vertrieben. Gleichzeitig mussten Polen ihre Heimat in den an die Sowjetunion gefallenen Ostgebieten verlassen und wurden häufig im Westen angesiedelt.

Polen gehörte zu den Siegern über das nationalsozialistische Deutschland. Über seine Grenzen und seine künftige Regierung konnte das Land 1945 trotzdem nicht frei entscheiden.

Polen unter kommunistischer Herrschaft – 1945 bis 1989

Die Kommunisten sichern ihre Macht

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte Polen zum sowjetischen Einflussbereich. Zwar gab es zunächst noch mehrere Parteien, doch die von Moskau unterstützten Kommunisten bestimmten bereits den Staatsapparat. Gegner wurden eingeschüchtert, verhaftet oder zur Flucht gezwungen. Außerdem manipulierte die Regierung sowohl die Volksabstimmung von 1946 als auch die Parlamentswahl im folgenden Jahr. Damit war der Weg in die Einparteienherrschaft praktisch frei.

1948 entstand die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei PZPR. Sie kontrollierte fortan Politik, Medien und große Teile des öffentlichen Lebens. Banken und Unternehmen wurden verstaatlicht, während der Staat neue Industriebetriebe errichten ließ. Viele Menschen fanden dadurch Arbeit und erhielten erstmals Zugang zu höherer Bildung. Dieser gesellschaftliche Aufstieg hatte jedoch einen hohen Preis: Zensur, politische Verfolgung und die ständige Überwachung durch den Sicherheitsdienst gehörten zum Alltag.

Stalinismus und der politische Wandel von 1956

Besonders hart ging das Regime gegen ehemalige Angehörige der Heimatarmee, Geistliche und vermeintliche politische Gegner vor. Gefangene wurden misshandelt und in inszenierten Prozessen zu langen Haftstrafen oder zum Tod verurteilt. Selbst innerhalb der kommunistischen Partei konnte der Verdacht mangelnder Loyalität gegenüber Moskau zur Verhaftung führen.

Nach Stalins Tod ließ der Terror langsam nach. Die wirtschaftlichen Probleme blieben allerdings bestehen. Im Juni 1956 streikten Arbeiter in Poznań gegen niedrige Löhne und hohe Produktionsvorgaben. Aus dem Arbeitskampf entwickelte sich eine große Demonstration, die von Soldaten und Panzern niedergeschlagen wurde.

Wenige Monate später kehrte Władysław Gomułka an die Spitze der Partei zurück. Er ließ politische Gefangene frei, lockerte vorübergehend die Zensur und beendete die erzwungene Kollektivierung der Landwirtschaft. Viele Polen hofften nun auf einen eigenständigeren Weg. Das Machtmonopol der Partei stellte Gomułka jedoch nicht infrage.

Die Krise erreicht die Ostseeküste

In den 1960er-Jahren verlor der versprochene Wandel seinen Schwung. Gleichzeitig verschärfte die Regierung 1968 den Druck auf Studierende und Intellektuelle. Auf Proteste folgte eine staatlich gelenkte antisemitische Kampagne, durch die rund 13.000 polnische Juden zur Ausreise gedrängt wurden.

Zwei Jahre später brach der Unmut an der Ostseeküste offen aus. Kurz vor Weihnachten erhöhte die Regierung die Preise für Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs. Daraufhin streikten Arbeiter in Danzig, Gdynia, Szczecin und Elbląg. Die Staatsführung reagierte mit Gewalt. Besonders erschütternd waren die Ereignisse in Gdynia, wo Soldaten am Morgen des 17. Dezember auf Arbeiter schossen, die auf dem Weg zur Werft waren. Insgesamt kamen bei den Protesten an der Küste mindestens 45 Menschen ums Leben.

Gomułka musste daraufhin seinen Posten räumen. Sein Nachfolger Edward Gierek finanzierte neue Fabriken, Straßen und Wohnungen mit Krediten aus dem Westen. Anfangs stiegen Einkommen und Konsum, doch schon wenige Jahre später wuchsen die Schulden, während viele Waren erneut knapp wurden.

Von den Streiks zur Solidarność

Als die Regierung 1976 abermals die Lebensmittelpreise erhöhen wollte, kam es erneut zu Streiks. Entlassene und verhaftete Arbeiter erhielten diesmal Unterstützung von Intellektuellen und katholischen Gruppen. Daraus entstand eine Opposition, die besser organisiert war und Informationen über eigene Untergrundzeitungen verbreitete.

Zusätzlichen Mut gab vielen Menschen die Wahl des Krakauer Erzbischofs Karol Wojtyła zum Papst. Bei seiner ersten Polenreise als Johannes Paul II. versammelten sich 1979 Millionen Gläubige. Damit wurde sichtbar, wie wenig die kommunistische Partei das gesellschaftliche Leben tatsächlich noch beherrschte.

Im August 1980 begann auf der Danziger Lenin-Werft ein neuer Streik. Ein unmittelbarer Anlass war die Entlassung der Kranführerin Anna Walentynowicz. Unter der Führung von Lech Wałęsa schlossen sich bald Beschäftigte aus Hunderten Betrieben zusammen. Ihre 21 Forderungen betrafen nicht nur Löhne und Versorgung, sondern auch freie Gewerkschaften, das Streikrecht und eine Lockerung der Zensur.

Die Regierung gab schließlich nach. Aus dem Danziger Abkommen ging die unabhängige Gewerkschaft Solidarność hervor, der sich innerhalb weniger Monate fast zehn Millionen Menschen anschlossen. Damit war aus einem Arbeitskampf eine landesweite Bewegung geworden.

Kriegsrecht und das Ende der kommunistischen Herrschaft

Am 13. Dezember 1981 verhängte General Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht. Armee und Polizei besetzten Betriebe, kappten Telefonverbindungen und internierten Tausende Oppositionelle. Streiks wurden gewaltsam beendet; in der oberschlesischen Grube Wujek erschoss eine Spezialeinheit neun Bergleute. Die Solidarność wurde verboten, arbeitete jedoch im Untergrund weiter.

Die Partei konnte den offenen Widerstand unterdrücken, nicht aber die wirtschaftliche Krise lösen. Lebensmittel und andere Alltagswaren blieben knapp, die Auslandsschulden stiegen und immer mehr Menschen verloren das Vertrauen in den Staat. Neue Streiks im Jahr 1988 zeigten schließlich, dass eine dauerhafte Lösung ohne die Opposition nicht mehr möglich war.

Anfang 1989 verhandelten Regierung, Solidarność und katholische Kirche am Runden Tisch. Die Gewerkschaft wurde wieder zugelassen, außerdem einigte man sich auf teilweise freie Parlamentswahlen. Am 4. Juni gewann die Solidarność fast alle Sitze, um die sie sich bewerben durfte. Wenige Monate später wurde Tadeusz Mazowiecki Ministerpräsident der ersten nichtkommunistisch geführten Regierung Polens seit den 1940er-Jahren. Die fast vier Jahrzehnte dauernde Herrschaft der PZPR war damit beendet.

Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter von 1970 in Danzig
Die drei Kreuze vor dem Tor der Danziger Werft erinnern an die bei den Protesten im Dezember 1970 getöteten Arbeiter.

Polen seit 1989 – Demokratie, Marktwirtschaft und europäische Integration

Der Aufbau einer neuen Demokratie

Mit den Wahlen vom Juni 1989 verschwand die Volksrepublik nicht über Nacht. Die alten Institutionen bestanden zunächst weiter und mussten Schritt für Schritt erneuert werden. Noch im selben Jahr erhielt das Land wieder den Namen Republik Polen; außerdem kehrte der gekrönte Adler in das Staatswappen zurück.

1990 gewann Lech Wałęsa die erste freie Präsidentschaftswahl. Ein Jahr später konnten die Polen erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg auch ihr Parlament vollständig frei wählen. Die junge Demokratie wirkte anfangs unübersichtlich: Zahlreiche Parteien zogen in den Sejm ein, Koalitionen zerbrachen und Regierungen wechselten häufig. Politische Konflikte wurden nun jedoch durch Wahlen entschieden und nicht mehr von einer einzigen Partei unterdrückt.

Auch die sowjetische Präsenz endete erst allmählich. Die letzten russischen Soldaten verließen Polen im September 1993. Vier Jahre später gab sich das Land eine neue Verfassung, die bis heute die Aufgaben von Parlament, Regierung und Präsident regelt.

Der schwierige Wechsel zur Marktwirtschaft

Die politische Freiheit ging mit einem radikalen wirtschaftlichen Umbau einher. Ende der 1980er-Jahre herrschten hohe Inflation und Warenmangel, während viele staatliche Betriebe nicht mehr konkurrenzfähig waren. Die Regierung gab deshalb Anfang 1990 zahlreiche Preise frei, kürzte Subventionen und öffnete den Markt für private Unternehmen und ausländische Investoren.

Diese als Schocktherapie bezeichneten Reformen wirkten schnell, trafen aber nicht alle Menschen gleich. Geschäfte füllten sich wieder, neue Unternehmen entstanden und die Inflation ging zurück. Zugleich verloren jedoch viele Beschäftigte ihre Arbeit, weil Fabriken verkleinert oder geschlossen wurden. Besonders in alten Industriestädten und auf ehemaligen Staatsgütern hinterließ der Wandel tiefe Spuren.

Ab der Mitte der 1990er-Jahre wuchs die polnische Wirtschaft deutlich. Innenstädte wurden saniert, Straßen ausgebaut und neue Arbeitsplätze geschaffen. Dennoch blieb das Gefühl bestehen, dass ein Teil der Gesellschaft den Preis für diesen Erfolg bezahlt hatte. Ohne diese Erfahrung lassen sich viele spätere politische Konflikte nur schwer verstehen.

Polen wird Teil von NATO und EU

Außenpolitisch orientierte sich Polen nach 1989 klar nach Westen. Dahinter stand nicht nur die Hoffnung auf wirtschaftlichen Anschluss, sondern auch das Bedürfnis nach Sicherheit. Nach Jahrhunderten der Teilungen, Besatzungen und Fremdherrschaft wollte das Land seine staatliche Unabhängigkeit dauerhaft absichern.

1999 trat Polen der NATO bei. Der Beitritt zur Europäischen Union folgte am 1. Mai 2004, nachdem sich in einem Referendum mehr als drei Viertel der Abstimmenden dafür ausgesprochen hatten. Seit Ende 2007 gehört Polen außerdem zum Schengenraum.

Die Veränderungen wurden bald im Alltag sichtbar. Polen konnten leichter in anderen EU-Staaten arbeiten und studieren, während Fördermittel in Straßen, Bahnstrecken, Kläranlagen und die Sanierung vieler Städte flossen. Gleichzeitig verließen zahlreiche jüngere Menschen zeitweise oder dauerhaft das Land. Trotz der engen europäischen Einbindung behielt Polen seine eigene Währung: Bezahlt wird weiterhin mit dem Złoty.

Politischer Streit und die neue Angst vor Russland

Nach dem EU-Beitritt wurde die polnische Politik nicht ruhiger. Im Gegenteil: Liberale und nationalkonservative Parteien standen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Gestritten wurde über das Verhältnis zur Europäischen Union, den Einfluss der katholischen Kirche und später auch über die Unabhängigkeit der Gerichte und der öffentlich-rechtlichen Medien. Besonders deutlich zeigte sich die Spaltung nach 2015, als die von der Partei Recht und Gerechtigkeit geführte Regierung begann, Staat und Justiz nach ihren Vorstellungen umzubauen. Dagegen gab es große Demonstrationen und mehrere Verfahren der Europäischen Union.

Noch tiefer wirkte die Flugzeugkatastrophe von Smolensk nach. Am 10. April 2010 stürzte eine polnische Regierungsmaschine beim Landeanflug in Russland ab. Die Delegation war auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die Opfer des Massakers von Katyń. Alle 96 Menschen an Bord starben, darunter Präsident Lech Kaczyński, seine Frau Maria sowie zahlreiche Politiker und hohe Militärs. Zunächst trauerte das Land gemeinsam. Bald darauf begannen jedoch erbitterte Auseinandersetzungen über die Ursache des Absturzes und den Umgang mit den Ermittlungen. Smolensk wurde dadurch selbst zu einem politischen Streitpunkt, der Polen über Jahre beschäftigte.

Während im Land über den Kurs der Demokratie gerungen wurde, kehrte von außen eine alte Bedrohung zurück. Bereits die russische Annexion der Krim im Jahr 2014 löste in Polen große Unruhe aus. Als Russland 2022 die gesamte Ukraine angriff, nahmen viele Privatleute Geflüchtete bei sich auf, während Bahnhöfe, Schulen und Sporthallen zu Anlaufstellen wurden. Über Polen gelangte zudem ein großer Teil der westlichen Hilfe in die Ukraine.

Gleichzeitig begann das Land, seine Armee stark auszubauen. Die harte Haltung gegenüber Russland hat historische Gründe: Die Teilungen Polens, die sowjetische Besatzung Ostpolens und die jahrzehntelange Abhängigkeit von Moskau sind hier wesentlich präsenter als in vielen westeuropäischen Ländern.

Wo Polens Geschichte an der Ostsee sichtbar wird

An der polnischen Ostsee wird vieles greifbar, was in der langen Geschichte des Landes zunächst abstrakt klingt. Mittelalterliche Burgen erinnern an den Deutschen Orden, prächtige Kaufmannshäuser an den Ostseehandel und alte Festungen an die Zeit unter preußischer Herrschaft. Hinzu kommen Orte, die eng mit dem Zweiten Weltkrieg oder dem Widerstand gegen die kommunistische Regierung verbunden sind. Einige dieser Spuren liegen mitten in beliebten Urlaubsorten.

Hansestädte und der Deutsche Orden

Besonders deutlich ist die mittelalterliche Handelsgeschichte in Danzig zu erkennen. Die Lage an der Weichsel verband die Stadt mit dem polnischen Hinterland, während der Hafen den Zugang zur Ostsee und zu den Märkten Westeuropas öffnete. Davon profitierten vor allem die Danziger Kaufleute. Entlang des Königswegs, in der Frauengasse und am Ufer der Motława erinnern ihre Häuser, Speicher und Stadttore noch heute an diese wohlhabende Zeit. Allerdings stammen längst nicht alle Fassaden aus dem Mittelalter: Große Teile der Rechtstadt wurden nach 1945 nach historischen Vorbildern rekonstruiert.

Etwa 60 Kilometer südöstlich von Danzig steht mit der Marienburg in Malbork das eindrucksvollste Zeugnis des Deutschen Ordens. Die riesige Backsteinanlage war Sitz des Hochmeisters und politisches Zentrum des Ordensstaates. Ihre Höfe, Säle, Kirchen und Befestigungen vermitteln einen wesentlich besseren Eindruck von dessen Macht als Jahreszahlen allein. Zugleich erinnert die Burg daran, wie lange der Zugang zur Ostsee zwischen Orden, polnischer Krone und den Städten der Region umkämpft war.

Innenhof der Marienburg in Malbork mit historischen Backsteinbauten
Der Innenhof vermittelt einen Eindruck von der Größe der Marienburg, die Kloster, Festung und Regierungssitz zugleich war.

Auch Stettin entwickelte sich als Handels- und Hafenstadt. Dort stammen die sichtbaren Spuren jedoch aus ganz unterschiedlichen Zeiten. Das Schloss der Pommerschen Herzöge steht für die frühere Herrschaft der Greifen, während Stadttore, breite Straßen und repräsentative Verwaltungsbauten von der späteren preußischen und deutschen Epoche erzählen.

Festungen, Häfen und alte Seebäder

Die Machtkämpfe um Häfen und Handelswege hinterließen an der westlichen Küste zahlreiche Befestigungen. In Swinemünde stehen auf beiden Seiten der Swine noch mehrere preußische Forts. Sie sollten die Hafeneinfahrt und damit den Zugang nach Stettin schützen. Später nutzten deutsche und sowjetische Truppen Teile der Anlagen weiter.

Auch Kolberg war lange Zeit eine Festungsstadt. Von den früheren Verteidigungsanlagen ist zwar nur ein Teil erhalten, doch einzelne Schanzen, Mauerreste und militärische Bauwerke lassen sich noch im Stadtgebiet entdecken. Gleichzeitig entwickelte sich Kolberg im 19. Jahrhundert zu einem Kur- und Seebad. Ähnliche Spuren dieser neuen Badekultur findest du in Swinemünde und Sopot: Promenaden, Kurhäuser, Villen und Seebrücken entstanden für Gäste, die nun nicht mehr wegen des Hafens oder des Militärs, sondern zur Erholung an die Küste kamen.

Eingang der Morast-Redoute im Hafen von Kolberg
Die im 18. Jahrhundert errichtete Morast-Redoute gehörte zur Verteidigung des Kolberger Hafens.

Der Zweite Weltkrieg an der Küste

Nur wenige Orte sind so eng mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verbunden wie die Westerplatte in Danzig. Dort griff das deutsche Kriegsschiff „Schleswig-Holstein“ am 1. September 1939 die polnische Garnison an. Die Ruinen der Kaserne, das erhaltene Wachhaus und das große Denkmal machen das frühere Schlachtfeld heute zu einer weitläufigen Gedenkstätte. Weitere Informationen findest du bei unseren Sehenswürdigkeiten in Danzig.

Rund 35 Kilometer östlich der Stadt liegt die Gedenkstätte des KZ Stutthof. Im Lager und in seinen Außenstellen waren während der deutschen Besatzung mehr als 100.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende überlebten die Haftbedingungen, Zwangsarbeit, Misshandlungen und Morde nicht. Erhaltene Baracken, das Krematorium und die Ausstellungen dokumentieren diesen Teil der Geschichte ohne ihn zu verharmlosen.

Auch viele Küstenstädte selbst tragen Spuren des Krieges. Kolberg wurde 1945 während schwerer Kämpfe fast vollständig zerstört. Danzigs historisches Zentrum lag ebenfalls in Trümmern, während die deutsche Bevölkerung der Städte nach Kriegsende größtenteils vertrieben wurde. Neue polnische Bewohner kamen häufig aus den ehemaligen Ostgebieten, die an die Sowjetunion gefallen waren. Damit veränderten sich an der Küste nicht nur Grenzen und Ortsnamen, sondern nahezu die gesamte Bevölkerung.

Hafenarbeiter, Proteste und Solidarność

Die jüngere Geschichte führt zurück nach Danzig, Gdynia und Stettin. Im Dezember 1970 protestierten Arbeiter an der Ostseeküste gegen plötzlich erhöhte Lebensmittelpreise. Die Regierung ließ auf Demonstranten schießen; besonders viele Menschen starben in Gdynia, als Beschäftigte am Morgen auf dem Weg zur Werft waren.

Zehn Jahre später begann auf der Danziger Lenin-Werft der Streik, aus dem die Solidarność hervorging. Auf dem früheren Werftgelände stehen noch die großen Kräne und mehrere historische Gebäude. Direkt vor dem Werfttor erinnert das Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter an die Opfer von 1970. Daneben erklärt das Europäische Zentrum der Solidarność, wie aus einzelnen Arbeitskämpfen eine Bewegung mit fast zehn Millionen Mitgliedern entstand.

Europäisches Solidarność-Zentrum auf dem früheren Werftgelände in Danzig
Das Europäische Solidarność-Zentrum dokumentiert die Streiks von 1980 und den Weg zum Ende der kommunistischen Herrschaft.

Gerade an der Küste schließt sich damit ein weiter Bogen: von mittelalterlichen Handelsplätzen und umkämpften Häfen über Krieg und Vertreibung bis zu den Streiks, die das Ende der kommunistischen Herrschaft einleiteten. Polens Geschichte begegnet dir hier nicht nur in Museen. Sie steckt ebenso in wiederaufgebauten Altstädten, verlassenen Befestigungen, Werfthallen und den Lebensgeschichten der Menschen, die nach 1945 an der Ostsee eine neue Heimat fanden.

Quellen und weiterführende Literatur