Marienkirche in Danzig

Die Marienkirche (Bazylika Mariacka) ist eine der weltweit größten Backsteinbauten und gilt als Hauptwerk der norddeutschen Gotik. Zwischen 1343 und 1502 entstand ein Sakralbau, dessen Architektur den wirtschaftlichen Aufstieg der Hansestadt Danzig widerspiegelt. 

Baugeschichte und Architektur

Die Grundsteinlegung erfolgte 1343 über den Fundamenten einer romanischen Kirche. Zunächst leitete Heinrich Ungeradin den Bau eines hohen Mittelschiffs nach klassischem Vorbild. Im 15. Jahrhundert jedoch erforderten der Reichtum der Stadt und der Wunsch nach mehr Raum eine statische Umplanung. Die Seitenschiffmauern wurden auf fast 30 Meter erhöht, sodass ein einheitliches Raumvolumen entstand.

Trotz einer Bauzeit von 159 Jahren, die durch Konflikte mit dem Deutschen Orden oft unterbrochen wurde, wirkt das Gebäude heute wie aus einem Guss. Statisch bemerkenswert ist dabei der Verzicht auf äußere Strebepfeiler. Um den Seitenschub der Gewölbe abzufangen, verlegten die Baumeister die tragenden Elemente nach innen. Diese eingezogenen Pfeiler bilden tiefe Nischen, in denen 29 Kapellen Platz fanden. 

Luftaufnahme der St. Marienkirche in Danzig, der größten Backsteinkirche der Welt, umgeben von den historischen Häusern der Altstadt.
Die beeindruckende St. Marienkirche in Danzig ist die größte Backsteinkirche der Welt und majestätisch in die Altstadt eingebettet.

Fassadengestaltung und Dachkonstruktion

Die Fassade wird durch 37 Spitzbogenfenster gegliedert, wobei das Fenster an der Ostseite mit 127 Quadratmetern eine außergewöhnliche Lichtzufuhr ermöglicht. Diese Helligkeit war für die norddeutsche Backsteingotik ungewöhnlich. Über dem Langhaus ruhen drei parallele Längsdächer, die im Osten in sieben verzierten Staffelgiebeln enden.

Im Inneren tragen 27 Pfeiler eine Decke aus Stern-, Netz- und Kristallgewölben. Vor allem die Kristallgewölbe sind technisch anspruchsvoll, da sie ohne Rippen allein durch die präzise Faltung der Steinflächen stabil bleiben. Die weiß gefassten Wände verstärken diesen lichten Eindruck und lassen die dunklen Kunstwerke deutlich hervortreten.

Ausstattung und Kunstschätze in der Marienkirche

Der Innenraum beherbergt ein bedeutendes Ensemble spätgotischer und manieristischer Kunst. Im Chor steht der Hochaltar (1511–1517) von Michael von Augsburg, dessen Retabel auf der Festtagsseite die Krönung Mariens zeigt. In den 31 Kapellen der Seitenschiffe befinden sich bürgerliche Stiftungen wie der St.-Adrian-Altar (1520) oder der Dorothenaltar (1435).

Ein besonderer kunsthistorischer Höhepunkt ist das Triptychon „Das Jüngste Gericht“ von Hans Memling (entstanden 1467–1471). Das Werk kam auf ungewöhnlichem Weg nach Danzig. Der Kaperfahrer Paul Beneke brachte das Gemälde 1473 als Prise nach Danzig, nachdem er die Galeere San Matteo auf ihrem Weg nach Florenz aufgebracht hatte. Trotz päpstlicher Proteste blieb das Bild in der Stadt. Heute befindet sich das Original im Nationalmuseum Danzig, während in der Marienkirche eine originalgetreue Kopie von Louis Friedrich Sy zu sehen ist. Das Triptychon zeigt Christus als Weltenrichter auf dem Regenbogen, flankiert von Maria und Johannes dem Täufer sowie vom Erzengel Michael bei der Seelenwägung.

An der Nordwand ist die Astronomische Uhr (1464–1470) von Hans Düringer platziert. Das 14 Meter hohe Gehäuse verbindet Mechanik mit religiöser Ikonografie und zeigt neben der Uhrzeit auch die Mondphasen und einen Heiligenkalender an. In unmittelbarer Nähe hängt die Zehn-Gebote-Tafel (um 1480), die in erzählerischen Einzelbildern die Befolgung und Übertretung der biblischen Gebote darstellt.

Die vertikale Achse des Raums wird durch die Triumphkreuzgruppe (1517) des Meisters Paul definiert, die im Schnittpunkt der Schiffe hängt. Ergänzt wird die Ausstattung durch den filigranen Eichenholz-Tabernakel (1482) und das Taufbecken von 1552 mit Reliefs biblischer Taufmotive. Die manieristische Kanzel (1616) von Isaak van den Blocke führt die Formensprache der Renaissance ein. Den Boden der Kirche bilden über 300 Grabplatten, die zusammen mit Epitaphien und Wandmalereien die Stadtgeschichte von der Hansezeit bis in die Neuzeit dokumentieren.

Konfessionsgeschichte

Die Religionsgeschichte der Marienkirche gliedert sich in zwei Hauptphasen. Nach der Gründung als katholische Pfarrkirche wurde das Gebäude im Zuge der Reformation zum Zentrum des Danziger Protestantismus. Der erste lutherische Gottesdienst fand 1529 statt. Ab 1572 nutzte die evangelische Gemeinde die Kirche ausschließlich.

In dieser Zeit war das Gebäude die weltweit größte lutherische Pfarrkirche. König Sigismund II. August bestätigte diesen Status im Jahr 1557. Ein simultaner Betrieb beider Konfessionen fand nicht statt. Diese protestantische Epoche dauerte fast 400 Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. 

Nach 1945 und dem Bevölkerungsaustausch übernahm die römisch-katholische Kirche das Bauwerk und weihte es 1955 neu. Seit 1965 trägt die Kirche den Titel Basilica minor. Heute ist sie die Konkathedrale des Erzbistums Danzig. 

Innenansicht der Marienkirche Danzig
Besichtigung der Marienkirche in Danzig

Kriegsschäden und Wiederaufbau

Im März 1945 zerstörten Artilleriebeschuss und Brände den hölzernen Dachstuhl der Marienkirche. Infolge der Hitzeeinwirkung stürzten 22 Gewölbejoche, etwa 40 Prozent der Deckenkonstruktion, in das Kirchenschiff. Die Außenmauern und der Westturm blieben erhalten, jedoch ging die nicht ausgelagerte Innenausstattung verloren. Die Sicherung der Ruine begann 1946.

1947 wurde ein neues Dachtragwerk als Stahlbetonkonstruktion errichtet, um die Mauerkronen zu stabilisieren. In den folgenden Jahrzehnten erfolgte die Rekonstruktion der Stern- und Kristallgewölbe nach historischem Vorbild unter Einsatz moderner Baumaterialien. An der heutigen Bausubstanz sind die Spuren der Sicherung, etwa die Betonbinder im Dachstuhl, neben der gotischen Form sichtbar geblieben. 

Panoramablick von der Marienkirche in Danzig
Der Turm der Marienkirche Danzig bietet eine hervorragende Aussicht über die Stadt

Bedeutung und Gegenwart

Die Marienkirche ist die Konkathedrale der Erzdiözese Danzig. Mit 5.000 Quadratmetern Nutzfläche und 190.000 Kubikmetern Volumen zählt sie zu den größten Sakralräumen Europas. Seit der Weihe 1955 und der Erhebung zur Basilica minor 1965 wird das Gebäude wieder für die katholische Liturgie genutzt. Am Mauerwerk lassen sich die Bauphasen vom Mittelalter über die protestantische Nutzung bis zum Wiederaufbau nach 1945 erkennen.

Sie bildet darüber hinaus den baulichen Bezugspunkt der Rechtstadt. Die horizontale Ausdehnung des Hallenbaus korrespondiert mit der dichten Bebauung der Altstadt, und ihr 82 Meter hoher Turm ist ein exponierter Teil der Silhouette. Deswegen gehört die Marienkirche zweifelsfrei zu Danzigs wichtigsten Sehenswürdigkeiten.

Praktische Informationen zur Marienkirche

Die Marienkirche liegt im Zentrum der Danziger Rechtstadt (Podkramarska 5). Der Zugang zum Hauptschiff ist ebenerdig und barrierefrei. Die Seitenkapellen sowie der Turmaufstieg sind aufgrund historischer Stufen nur eingeschränkt zugänglich. Während der Gottesdienste ist eine Besichtigung nur eingeschränkt möglich.

Fotografieren

Das Fotografieren ist in der Marienkirche ohne Blitz gestattet.

Öffnungszeiten

  • Montag – Samstag: 08:30 – 18:00 Uhr
  • Sonntag: 10:00 – 17:00 Uhr
  • Eintritt: frei (Spenden erwünscht)
  • Offizielle Webseite (polnisch)

Turmbesteigung der Marienkirche

Der 82 Meter hohe Turm ist über 402 Stufen erreichbar. Der Aufstieg ist kostenpflichtig. Die Öffnungszeiten richten sich nach der Saison.

Jun – Aug09 – 21 Uhr
Apr – Mai09 – 19 Uhr
Sep – Nov09 – 18 Uhr